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Kapitel I    Kapitel II



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Vom Leid der Vergänglichkeit




 Erstes Kapitel: Verwirrungen



Er lebte damals in einer kleinen Stadtrandsiedlung und eines Nachts hatte er einen Traum: Gott habe die Menschheit vergessen.

    Am darauffolgenden Morgen überfiel ihn ein mulmiges Gefühl.

    Als er in Uniform gekleidet im Flur seines Hauses stand, öffnete er die Tür. Heute war irgendetwas anders als sonst, das einfallende Sonnenlicht machte ihn taumeln, ihm war richtig übel zumute und er setzte sich auf den Treppenabsatz vor seiner Haustür. Er schloss seine Augen und gab der Last seines Kopfes nach.

    Nach einer Weile öffnete er die Augen wieder und erschrak dabei so sehr, dass er aufsprang und die Übelkeit von sich stieß.

    Vor seinen Augen lag ein bepelztes Stück Fleisch, das geringe Ähnlichkeit mit der Katze seiner Nachbarin hatte und doch war ihm bewusst, dass es nichts anderes sein konnte. Sie hatte am ganzen Körper blutig-eiternde Wunden und kahle, das struppige Fell zerfressende Stellen feucht-nasser Haut. An Kopf und Pfoten aber war die Haut bereits ausgetrocknet und spröde und man konnte die Knochen unter den toten Lappen ruhen sehen.

    Er schaute auf und versuchte, seinen Blick von diesem ekelhaften Bild abzulenken.

    Nachdem ihm die frische Morgenluft den Degout aus den Gliedern geblasen hatte, stieg er in seinen Dienstwagen, drehte das Radio auf und fuhr Richtung Westen, an den wenigen Häusern der Nachbarschaft vorbei, bis er auf der schmalen Landstraße stärker beschleunigen konnte.

    Auf der immer geraden Straße fuhr sein Körper wie von selbst, seine Gedanken befreiten sich von dessen Oberhand und so blickte er empor, um wie jeden Tag die von der Sonne hell beschienenen Wolken  zu betrachten und senkte den Lauf seiner Augen, damit er bestaunen konnte, wie sein Auto seinem eigenen langen Schatten hinterherjagte — doch da war kein Schatten und auch die Wolken waren so blass und fahl wie nie zuvor.

    Er schaute in den Rückspiegel und sah keine Sonne, die ihn blenden wollte. Wo war sie?

    Entgeistert fuhr er vor sich hin, die Umwelt außen vor lassend, bestürzt über die seltsamen Eindrücke dieses Morgens, die seine geregelte Lebensweise aufs Äußerste beleidigten.

    Plötzlich erwachte er aus den pessimistischen Deutungen der Ereignisse und musste feststellen, dass sich alles um ihn herum mehr bewegte als sein Fahrzeug. Dessen Tankanzeige machte einen leeren Tank kund.

    Das Auto sprang nicht mehr an und des zerstörten inneren Gleichgewichts müde schloss er es ab, ließ es in den hier zwischen den riesigen Feldern der staatlich angestellten Bauern entstandenen Nebelschwaden zurück und schlurfte die letzten paar hundert Meter bis zur Arbeit zu Fuß im sandigen Graben neben dem an diesem Vormittag tot anmutenden Asphaltband, das flach auf der Erde lag wie eine Leiche in ihrem Sarg.

    Die Saatkrähen marschierten an seiner Seite im Schritt und Tritt wie mit einem Kameraden. Er blickte nicht zurück, denn unerträglich war ihm der Gedanke an ein Auto, das mitten auf der Straße lag, das das symmetrisch perfekte Bild der beidseitig dieser Trennlinie platzierten Felder und Bäume unter dem einheitlich grauen Himmel störte und die ganze Ordnung des Staates zu gefährden schien.

 

Das Auto war inzwischen wieder fahrbereit und stand in der Garage. Auch er war wieder bei Sinnen, saß wohlgeordnet in seinem samtenen Ohrensessel und betrachtete die nichtssagende Wohnzimmerwand. Es war unterdessen Abend geworden, er dachte an den vergangenen Tag und war wie immer zufrieden damit, dass — außer der Sache mit dem Auto — nichts Außergewöhnliches passiert war. Wenngleich er sich heute zum ersten Mal darüber wunderte, wie ein Tag so alltäglich, so leblos und vorhersehbar sein konnte.

    Mit einem Mal klingelte es an der Haustüre. Wer kommt denn um diese Uhrzeit? Forschen Schritts schritt er zur Tat und Tür. Er öffnete. Die Nachbarin ist’s.

    „Entschuldigen Sie bitte, dass ich um diese Uhrzeit störe, aber haben Sie vielleicht meine Katze gesehen? Sie ist seit gestern Abend verschwunden. Ich habe schon überall nach ihr gesucht.“

    Ganz zerfranst und zerzaust sieht sie aus. Sie ist ja richtig durch den Wind. Man erkennt sie kaum. Er machte das Licht an. Jetzt glitzert und leuchtet sie, fast wie ein Engel. Der helle Schein gebar einen entsetzlichen Anblick.

    „Ach, du, mein lieber Gott! Da ist sie ja!“

    Ja, das ist sie, schon halb verwest. Und das nach einem Tag. Er schloss die Tür.

 

Am nächsten Morgen fühlte er sich richtig schlapp. Er vertraute dem Sonnenlicht, das ihm den Weg aus dem Bett zeigte und auf dem Wasserhahn im Badezimmer silbern funkelte. Er drehte ihn auf. Doch es kam kein Wasser. Es kam nichts. Plötzlich tröpfelte es, zunächst ein Tropfen, dann der nächste; und ein weiterer. Sie füllten das Becken und verdrängten, verscheuchten es. Das Waschbecken schrumpfte, es schwamm hinfort, wurde zu einem kleinen, weißen Punkt und entschwand vollends. Dann, langsam, kam es wieder; wie eine Ampel, der das Grün fehlte, leuchtete es auf und blendete ihn, die Ampel wurde größer und größer. Mit einem Mal erlosch ihr Licht und alles war in dunkles Rot gehüllt. Das Becken füllte und färbte sich, bis er den Hahn zudrehte.

    Er musste aus irgendeinem Grunde mit den Augen blinzeln. Vielleicht um Normalität zu schaffen. Er griff zur Zahnbürste und putzte sich die Zähne. Der Hahn versprühte drei letzte Funken, die die Sonne verrieten; woraufhin sie sich verzog.

    Als er sich gewaschen hatte, ging er zurück ins Schlafzimmer. Es war bereits acht Uhr und im Radio wurden gerade die Nachrichten verlesen:

    „… Volksgenossinnen und Volksgenossen. Seit dem gestrigen Morgen verdunkelt sich die Sonne in scheinbar unregelmäßigen Abständen. Unsere Führung hat dies zu unser aller Wohl veranlasst, um die Felder unserer geschätzten Bauern vor dem Austrocknen zu bewahren. Seien Sie deshalb unbesorgt und vertrauen Sie auf die wie immer unfehlbaren Anweisungen unseres Herrn …“

    Ja, unser Herr hat immer Recht.

    Jetzt war er beruhigt und wusste, dass er sich nicht mehr den Kopf zerbrechen musste, weil die Regierung alles im Griff hatte und nichts Beunruhigendes passiert war und genauso wenig passieren würde, wie all die langen Jahre seines bisherigen Lebens.

    Er beschloss, seinen wöchentlichen Samstagvormittag-Spaziergang noch vor dem Frühstück zu unternehmen, da er zu faul war, sich Brötchen zu schmieren und sich schon nach der kühlen Morgenluft sehnte. Er ging also gemächlich zum Kleiderschrank, zog sich seinen weißen Wochenendanzug über und die dazu passenden gleichfarbigen Lackschuhe, die seit fast einer Woche gelangweilt am Boden des Schrankes warteten. Er war schon dabei, die Schlafzimmertür zu schließen und das Wichtigste zu vergessen, als er rasch kehrtmachte und sich den Staatsausweis von seinem Nachtkästchen schnappte.

    Schnell ging er die Treppe hinab, hielt auf dem Holzfußboden der Diele einen Moment inne und warf einen kurzen Blick auf seine beige Armbanduhr, deren goldene Zeiger gräulich schimmerten. Viertel nach Acht. Dann trat er vor die Haustür, die sich fast bis zur Decke vor ihm aufbäumte, legte zögerlich seine rechte Hand auf die Klinke und öffnete sie schließlich.

    Von draußen drang, anders als sonst, kaum Luft herein. Das sonderbar trübe morgendliche Dämmerlicht lag wie eine Depression auf dem kleinen Örtchen und nicht einmal der Wind traute sich aus seinem Versteck. Zunächst schlurfte er zögernd, als wäre er noch in irgendeinen Traum versunken oder aus Furcht vor der seltsamen, unheimlich und düster anmutenden Atmosphäre, die ihm unangenehm, wie eine Schraubzwinge, gegen die Schläfen drückte, voran bis zum verwitterten, vor Regen morschen Gartentor. Nachdem er es mit Mühe überwunden hatte, beschleunigte er seine Gangart.

    Hätte man ihn so gesehen, man wäre sich sicher gewesen, er liefe vor irgendetwas davon, selbst wenn man nicht gewusst hätte wovor. Auch er selbst hatte keinen Schimmer, es war ein innerer Zwang, der ihn dazu brachte.

    Hinter dem Gartentor zweigte er nach rechts ab, marschierte an den hohen Rotbuchenhecken zu seiner Rechten entlang, die er noch weniger als sonst wahrnahm, bis diese einem engen Kiesweg Platz machten, dem er in immer noch hastigem Tempo folgte.

    Ein feuchter Luftzug wirbelte sein schulterlanges Haar durcheinander, als er um die Ecke bog. Wie erleichtert er war, als diese aufmunternde Brise wie jeden Samstagmorgen seinen Nacken kitzelte, als begegnete er einer alten Bekannten, die von den sanften Wellen des sich vor ihm darbietenden Meeres angespült worden war. Die Weite des Wassers schickte sich an, von der seichten, steinigen Küste her das Land zu erobern und ihm die ganze beklemmende Bedrücktheit auszutreiben.

    Etwa dreißig Meter vor sich machte er eine dunkle Gestalt aus. Dort, wo die daumengroßen, eiförmigen Kiesel sich allmählich mit den feinen, hellgrauen Sandkörnern des Strandes vermischten und der Weg nicht mehr beiderseits von dunklem, raschelndem Grün eingeengt war, dessen Buchen-, Eichen- und Ahornblätter einem über das Haupt strichen, versperrte einem dieser ganz in schwarz gekleidete Mann die freie Sicht auf die himmelhoch reichende Farblosigkeit des Horizonts.

    Der Grenzbeamte kam ein paar Schritte näher und sein Dienstanzug gab sich zu erkennen. Zwischen den beiden wurde plötzlich eine Wand sichtbar, ein farbiges Gefälle, das der Staatsmann erklomm und indem er wenige Zentimeter vor dem in Weiß gekleideten Etwas die Fäuste ballend anhielt, durchbrach er die Mauer. Die umherfliegenden Brocken durchbohrten den weißen Anzug und drangen in seinen Körper, der daraufhin noch nichtiger wurde, eine Schande gar im Vergleich zur viel bedeutenden Größe des Beamten in Schwarz.

    Mit einem herablassenden Funkeln in seinen unendlich tiefen, übergroßen Augen erspähte und starrte der ihn an wie ein wildes Raubtier auf der Lauer, ohne den kleinsten Anschein einer Regung in seinem starren Panthergesicht. Perfekt getarnte Kameraobjektive musterten ihn aus der Untiefe und speicherten sein Abbild.

    „Ein Meter achtundsechzig. Lange, schwarze, graumelierte Haare. Magere, kränkliche Figur. Leichter Buckel und O-Beine. Auffällige hellblaue Augen … Name?“

    „Arthur Hellwarth“, sagte er beiläufig, während er seinen Pass aus der Sakkotasche holte und ihn der bleichen, eiskalten Hand des schwarzen Mannes übergab.

    „24.04.68 … Neununddreißigeinhalb Jahre? Sehen älter aus — wie fünfzig.“ Der Beamte warf noch einmal einen verächtlichen Blick auf Arthur und drückte ihm dann den Ausweis in die offene Handfläche. „In Ordnung, Sie können passieren … Gehen Sie schon weiter, verschwinden Sie!“

    Arthur folgte dieser Aufforderung bereitwillig, denn ihm war äußerst ungemütlich in der Nähe des zweifellos mächtigen Mannes.

    Dieser mysteriöse Unbekannte war nichtsdestoweniger eine höchst interessante Erscheinung. Jeden Samstag kontrollierte er Arthur auf dessen Echtheit und er machte gar den Anschein, als erkenne er ihn tatsächlich nach sieben Tagen nicht wieder. Das gab Arthur natürlich zu denken. Sah er wirklich jede Woche anders aus? Alterte er tatsächlich so schnell, dass nur er selbst sich stets als den identifizieren konnte, der er war? Obwohl — hatte er nicht selbst schon so manches Mal in sein fragendes, unachtsam und leichtsinnig die sonst verborgenen Sorgenfalten entblößendes Gesicht geblickt, wenn er beim morgendlichen Zähneputzen so fremd ausschaute? Nein, Unsinn! All diese Gedanken waren bloße Zeitverschwendung — er war schließlich neununddreißig, ein Alter, in dem man sich, ohne es zu wollen, Gedanken macht über den Erfolg im eigenen Leben, in dem man sich absurderweise mit anderen vergleicht — da bleiben eben dumme Gedanken nicht aus, sinnierte Arthur und spazierte über den weichen und doch rauen Sand, wie ein Löwenzahnsamen, der an seinem Schirm hängt, ohne Ziel dahinschwebend, im Sand versinkend und doch mit einem klaren Ziel vor Augen.

    Denn dort vorne, auf einem niedrigen, flachen, feuchten Felsen saß, von winzigen sich kräuselnden Wellen umspült, ein gebückter Mann mit Haaren so trüb wie ein Glas Milch. Sonst schimmerten sie immer, leuchtend wie Tausende kleiner Diamanten, kam es Arthur in den Sinn.

    Als er neben ihn trat und sich schließlich setzte, erkannte er deutlich das vom Alter gebrandmarkte Gesicht, dessen Äußeres er aber eigentlich nicht wahrnahm, weil er es schon in- und auswendig kannte, von ihren unzähligen Unterhaltungen, die ihm jedes Mal wieder ein bisschen mehr Lebensfreude bescherten. Das jedoch, was im Inneren des Mannes, hinter den zahlreichen Hautfalten vor sich ging — das, was dort versteckt in dessen Gehirn wanderte, aber nie den Weg nach draußen fand —, konnte er, bei alldem, was er bisher über den Mann in Erfahrung gebracht hatte, bei bestem Willen nicht ausfindig machen, nein, nicht einmal auf gut Glück erraten.

    Arthur hatte diesen Mann, der sich als Yannik Aki Yderst ausgab, zum ersten Mal vor zwölf Jahren genau an dieser Stelle getroffen, an der dieser seitdem jeden Samstag auf ein Gespräch mit ihm wartete. Ein einziges Mal, soweit sich Arthur erinnern konnte, hatte er den Strand und den angestammten Felsen leer vorgefunden: an einem Mittwoch vor etwa vier Jahren; es war der nationale Feiertag, der Tag der Vereinigung aller Völker, der siebte November.

    „Mein alter Freund, du weißt, ich bin inzwischen 74 Jahre alt. Wäre es nicht langsam an der Zeit für mich zu sterben?“

    Wann ist es für jemanden soweit, dass er den Tod fordern kann, wann hat er ihn verdient?, fragte sich Arthur. Was hat Yan erreicht, was ich noch nicht geschafft habe?

    „Weißt du, mit sechzig weiß man, dass man nichts Atemberaubendes mehr erleben wird; alles kommt einem bekannt vor. Ab siebzig bereitet man sich dann darauf vor, sein Leben würdig zu beenden. Doch was heißt das, würdig? Ist es das, was ich in meinem Leben stets versucht habe zu erreichen?, gesunde Kinder und Erben zu zeugen, in deren Erinnerung ich weiterleben kann. Glückliche Kinder mit einer glücklichen Mutter, verstehst du? Und genau das ist es — das ist das Einzige von den Dingen, die ich mir vorgenommen hatte, was ich nie erreicht habe. Und jetzt, da ich erkenne, dass es zu spät ist und mir nichts mehr Freude bereiten kann — die Freude, die ich bräuchte, um über den künftigen Untergang meiner Familie, die ich nie besaß, hinwegzukommen … Jetzt, da mir der Tod offenherzig ins Gesicht grinst, mit seinen gläsernen, milchigen Augen, wird mir mein Versagen auf grausame Weise klar und der Fleck Elend, der ich noch bin in dieser Welt, und dass es keinen Pfad gibt, der mich glücklicher machen kann, als derjenige, auf dem mich der Tod führen wird. Das Einzige, was mich ein wenig tröstet, ist die Gewissheit, dass das Leben niemals ein Dilemma ist, weil der Tod immer als vernünftiger Ausweg bereitsteht …“

    „Doch geht nicht jeder auf beneidenswerte Art von uns.“

    „Ganz recht. Der Tod ist nie ein ganz willkommener Gast. Jedoch — was mir seit kurzem so begehrenswert erscheint, ist die Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Totseins, entbehrt es doch aller Mühsal unseres anstrengenden Lebens. Ehrlich und aufrichtig ist er noch dazu.“

    Hinten im Wasser, keine fünfzig Schwimmzüge entfernt, wurde mit einem Mal etwas Buntes, Lebendiges sichtbar, was so auffällig war im stillen Dahinrauschen des Ozeans.

    „Ach, schau, dort hinten“, murmelte Yan wie nebenbei, „da treibt ein kleines Mädchen im Wasser.“

    „Es zappelt und schreit um Hilfe.“

    „Und keiner hilft ihm, niemand rettet es. Wie es strampeln kann, aber nicht schwimmen. Tragisch, so was.“

    „Ja, wirklich schade, dass niemand zu Hilfe eilt. Die Kleine könnte einem richtig leidtun.“

    „Schau hin, jetzt ist sie untergetaucht. Siehst du?“

    „Da fällt mir ein Gedicht ein“, erwiderte Arthur, ohne Yans Worte gehört zu haben, als er die letzten schwachen Lebenszeichen des kleinen Kindes als reiskorngroße, verschwindende Bläschen aus den Wellen auftauchen sah, „aus meiner Schulzeit. Kennst du das? Es heißt

 

 

          Vom Leid der Vergänglichkeit

 

          Seht ihr die Kraft,

          Die diesem Feuer

          Auf dem Meere

          Sein Leben erkämpft?

 

          Solch eine Mühsal,

          Mit der die Flamme

          Ihren Kopf über Wasser hält

          — Und doch erlischt.

 

          Die Leichtigkeit ist’s!

          Sie holt dem Wasser

          Die Wärme zurück.

 

          Warm ist das Wasser,

          Das endlich versinkt.

          Wie der Mensch,

          Der im Grabe ertrinkt.

 

          Kein Zeichen erinnert

          Ans weinende Kind.“

 

 

    „Ein elegant formuliertes Gedicht, wie ich finde; aber so etwas würde man heutzutage nicht mehr in der Schule lesen. Man unterrichtet die Kinder in Politik, Wirtschaft und Psychologie — allerdings bloß die Dummen; die Gescheiten hören nur etwas von Dingen wie Mathematik, Physik, Informatik und Elektrotechnik. Ein Jammer!“

    „Es ist durchaus kein Jammer, etwas zu lehren, was unsere Kinder für die Zukunft gebrauchen können und werden, etwas Praktisches. Wer braucht schon Kunst? Literatur bedeutet heutzutage nur eine Verschwendung von Papier — und das zu Recht!“

     Die beiden brüteten nach diesem kurzen Diskurs über ihrem eigenen Blick auf die Welt, von der Arthur nicht verstand, warum sie sich in den fast vier Dekaden seines Lebens so gewandelt hatte. Er konnte nur darüber spekulieren, dass die Ursprünge der schlagartigen Veränderungen irgendwo in der Vergangenheit liegen mussten, womöglich in einer weit entfernten. Yan wusste mit Sicherheit über die Gründe und Ursachen Bescheid, vermutete er. Doch je länger Arthur den Gedanken nährte, eine Frage an ihn zu richten, desto mehr überaß sich jener. Und so saßen beide regungslos, wie von einem Zaun voneinander getrennt — obgleich innerlich, auf geistiger Ebene, wohl stark verbunden, auf dem von tiefen Rissen gemarterten Steinbrocken, stumm, als lauschten sie dem wohltuenden Geräusch der aneinanderreibenden, sich gegenseitig drängenden Wassertropfen zu ihren Füßen.

 

 

 

Zweites Kapitel: Taufruhr

 

 

Wie Arthur sich auf den Nachhauseweg gemacht hatte, kam er am nahe gelegenen Gemeindehaus vorbei. Am Schwarzen Brett, das an dessen weißer Fassade festgeschraubt war, erkannte er die Neuigkeiten des Tages:

    „Nach der Wiedereinführung der Sonntagsschule“, stach es Arthur sofort ins Auge, „jetzt Internatspflicht für alle Schüler“

    Er setzte unversehens seine Route fort, denn es kümmerte ihn nicht weiter — er hatte Hunger.

Er sputete die Straße entlang, warf einen Fuß vor den anderen; sein zunehmend schmerzender Magen gebot ihm Eile. Die Leere der schmalen Straße erlaubte ihm diese und erfüllte ihn mit einem unermesslichen Glücksgefühl; die Allsamstäglichkeit wahrte ihre Ordnung und brachte die Gewissheit eines bevorstehenden ruhigen Tages. Ein Schritt, zwei Schritte, er lief, er brauste, er raste wie ein Schnellzug, vergaß dabei sich selbst, verlor seine Haare, seinen Kopf, er schrumpfte zu einem Magen, der unaufhörlich wuchs; er war ganz und gar Magen.

    Da stolperte er oder rannte in einen Mann. Jedenfalls lag er plötzlich bäuchlings auf dem spöttischen Kopfsteinpflaster des Marktplatzes. Er schaute nach oben. Eine Frau, die sich empört umdrehte; ihr Mann schrie auf ihn ein, ganz außer sich. Aber Arthur hörte der Rage Ausbrüche nicht. Alles war laut ringsum. Ein Menschenpulk, vierzig Menschen vielleicht; sie kreischten und brüllten, sie wüteten, wie Arthur es noch nie bei irgendeinem Menschen erlebt hatte.

    Arthur stand schließlich wieder auf. In seinem Blickfeld verfing sich ein blutorangefarbener Schmetterling, der über den Köpfen der Leute erschienen war und nun mit selbstverständlicher Gelassenheit zwischen ihnen umherflatterte. Er ließ sich endlich fallen, senkte sich zu Boden und ruhte alsbald still auf einem der kargen Steine. Es schien, als hätte er mit sich die Zeit zum Stehen gebracht, inmitten einer aufgewirbelten, hektischen Welt. Doch dann verschwand auch er im Getümmel zwischen der Horde an Füßen, die fieberhaft um sich schlugen.

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    Die Menschenmenge hatte einen Kreis gebildet. Arthur drängte sich zwischen zwei diskutierende Frauen. Er blickte in die Runde. Jeder stritt mit seinem Nachbarn, bis auf eine junge Dame; aber warum? Der Stein des Anstoßes war ein Mann, der blutüberströmt in der Mitte der aufgebrachten Runde in einer frischen Lache lag. Man konnte deutlich zwei Wunden erkennen, eine an der Kehle und eine im Bauchbereich, die offensichtlich von einer Schusswaffe stammten.

    „Er ist tot“, brachte ein Herr hervor, der vor dem Verwundeten kniete.

    „So ist es“, bestätigte ein zweiter in vornehmem Sonntagsanzug.

    „Jawohl, wie es sich gehört! Dieses Gesindel muss beseitigt werden!“ jubelte ein dritter, der direkt neben Arthur in der Menge stand.

    Vor Schreck machte Arthur einen Schritt zur Seite. Er betrachtete den Herrn voller Ekel, wie dieser dastand, die Hände zur Brust erhoben und den Rücken gerade wie einen Galgen. Sein akkurat gekämmter Schnurrbart blitzte drohend im Lichte eines Sonnenstrahls, der wie auf Befehl hinter den tief hängenden Wolken hervorgestoßen war.

    Sind diese Leute denn von seinem Erscheinungsbild so geblendet?, grübelte Arthur, als der vornehme Herr mit dem spitzen Bart von allen Umstehenden einen ohrenbetäubenden Beifall einheimste. Beim Anblick des sorgfältig mit Pomade frisierten schwarzen Scheitels musste Arthur augenblicklich an jene Beamten denken, welche er nur zu gut aus der Kanzlei kannte. Sie waren allesamt reine Opportunisten. Musste man da nicht erschrecken? — Nein; denn er war ja selbst nicht anders, fiel Arthur auf; so musste man auch sein.

 


(Fortsetzung folgt beizeiten.)

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